Choreografinnen und Choreografen sind eingeladen, mobile Tanzproduktionen mit professionellen Tänzerinnen und Tänzern in der Rhein-Main-Region zu erarbeiten, die den konventionellen Theaterraum verlassen und an außergewöhnlichen Aufführungsorten , wie z.B. im Klassenzimmer, Gemeindezentrum, Tennisclub, dem Bus oder auf freiem Feld, präsentiert werden können. Das mobile Stück soll nach seiner Fertigstellung durch die Region touren. Das Ensemble Mobil lädt Tanzschaffende ein, neue Spielorte und eine regionale Öffentlichkeit auch jenseits der Großstädte als künstlerisches Arbeitsfeld zu erschließen. Zugleich führt es Zuschauergruppen, die an ihrem Wohnort nur wenig Zugang zu Tanz haben, mit Tanzschaffenden der zeitgenössischen Szene zusammen – möglichst schon während der Probenzeit der mobilen Produktion.

Canan Erek: Green Move

Forest Bathing ist in Japan ein Wellnesstrend. Dieses „Waldbaden“ beschreibt Spaziergänge, bei denen die Umgebung mit allen Sinnen erfasst wird. Wissenschaftler fanden nämlich heraus, dass Menschen, die längere Zeit in der Natur verbringen, ein stärkeres Immunsystem besitzen und weniger gestresst sind. Canan Erek hat das fasziniert. Sie ist die Choreografin unserer zweiten Ensemble Mobil-Produktion „Green Move”, die im vom 10. bis zum 17. September 2017 in den in den Kurparks Bad Soden, Bad Vilbel, Bad Nauheim und Bad Homburg aufgeführt wurde.

Kurparks sollen Orte der Genesung sein. Sie sind also gar nicht so weit entfernt vom Forest Bathing-Gedanken. Anders als Wälder, präsentieren sich Kurparks jedoch sehr gestaltet. Die Frage ist daher: Wie wirkt die von Menschen gemachte Natur auf den Stadtmenschen, der nach innerer Ruhe sucht? Gemeinsam mit vier Tänzerinnen und zwei Tänzern aus der Rhein-Main-Region und der Berliner Tänzerin Alessandra Defazio ist Canan Erek dieser Frage auf den Grund gegangen. Dabei wurden in allen Parks ähnliche, jedoch nicht genau gleiche Stücke präsentiert, denn in jedem Ort reagierten die Tänzerinnen und Tänzer auf die ortsspezifischen Gegebenheiten. Sie agierten dabei nicht als Individuen, sondern als ein einziger Organismus.

„Green Move“ ist innerhalb der einzelnen Parks von einem Ort zum nächsten gewandert und hat die Zuschauer mit auf einen Spaziergang genommen.

Die türkischstämmige Tänzerin und Choreografin Canan Erek lebt in Berlin. Nach einer klassischen Tanzausbildung in der Türkei, studierte sie Bühnentanz bei Pina Bausch an der Folkwang Hochschule und Choreografie an der Ernst Busch-Schauspielschule in Berlin. Ihre eigenen Choreografien wurden in verschiedenen Theatern und bei Festivals gezeigt. Seit 2016 ist sie die Initiatorin und künstlerische Leiterin von „PURPLE – Internationales Tanzfestival für junges Publikum“.

10. – 17. September 2017
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Konzept | Choreografie: Canan Erek
Künstlerische Produktionsmanagerin: Alessandra Defazio
Produktionsleitung: Larissa Koch, Linda Pilar Brodhag
Tänzer*innen: Kihako Narisawa, Robin Rohrmann, Francesca Imoda, Keith Chin, Seraphine Detscher, Julia Kathriner, Alessandra Defazio
Kostümbildnerin: Nathalie Meyer

Ensemble Mobil | Canan Erek: Green Move
© Jörg Baumann

Lina Lindheimer: As we are waiting

Das erste Stück in der „Ensemble Mobil“-Reihe war die Performance „As We Are Waiting“ von der Choreografin Lina Lindheimer. Die Präsentation findet im Warteraum eines Frankfurter Jobcenters statt und macht die Menschen zu Protagonisten, die dort sitzen und warten. Den Raum hat Lina Lindheimer gewählt, weil er einen Zwischenraum bildet – einen Raum zwischen vermeintlichem Nichtstun und wieder-einen-Job-finden, zwischen Stillstand und neuer Bewegung. Doch Warten muss nicht unbedingt Stillstand bedeuten. Choreografinnen und Choreografen verstehen Pausen als Bestandteil von etwas Ganzen. Stillstand existiert für sie nicht. „Was tun wir, während wir nichts tun?“, fragt sich Lina Lindheimer deshalb – und gibt diese Frage an die Wartenden im Jobcenter weiter. Die Performer schlüpfen dann in die Rolle der Wartenden und folgen Träumen und persönlichen Utopien. Gemeinsam schaffen die Anwesenden so einen Perspektivwechsel, der den Blick auf das Potential und die Bewegung im scheinbaren Stillstand schärft.

Die Performance hat an vier Tagen im Februar 2017 im Jobcenter Frankfurt-Ost stattgefunden und wird im Juni 2017 in Jobcentern in Wiesbaden und in Hofheim zur Aufführung gebracht. Sie ist ausschließlich für die Menschen zugänglich, die zum Präsentationszeitpunkt zufällig dort warten.

Idee/Konzeption: Lina Lindheimer
Umsetzung: Katja Dreyer, Mart Kangro, René Liebert, Lina Lindheimer, Lito Walkey
Ton: Nils Weishaupt
Bühne: Anne Kuhn, René Liebert
Performed von Mart Kangro, Lito Walkey, Katja Dreyer

Mit freundlicher Unterstützung durch das Jobcenter Frankfurt am Main, das Kommunale Jobcenter Wiesbaden und den Kreisausschuss des Main-Taunus-Kreises.

Lina Lindheimer, Jahrgang 1979, lebt in Berlin. Sie studierte zeitgenössischen Tanz, Choreografie und Performance in Arnhem und Gießen. Neben ihrer Tätigkeit als Tänzerin und Performerin arbeitet sie seit 2004 auch als Choreografin. Sie entwickelt sowohl eigene Stücke, als auch Gemeinschafts- und Auftragsarbeiten, u.a. für das Collaboration in Arts-Projekt in Estland, den Pact Zollverein, die Semperoper Dresden und das Harlekijn Danstheater von Herman von Veen. Von der Fabrik Potsdam und am K3-Zentrum für Choreografie auf Kampnagel in Hamburg wurde sie als Residenzchoreografin eingeladen. Lina Lindheimers Werke beziehen oft eine Außenperspektive auf den zeitgenössischen Tanz ein, so hat sie zum Beispiel für die Produktion „Berliner Tänzer“ (2004) alle Menschen, die im Berliner Telefonbuch unter dem Namen Tänzer aufgeführt waren, zum Thema Tanz befragt. Und für die Choreografie „SOLO (Standing on the shoulders of giants)“ (2007) arbeitete sie ausschließlich mit Bewegungen von Passanten, die sie zufällig in Hamburg traf und die keine Profitänzer waren.

Lina Lindheimer_Portrait_klein
© Lindheimer
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